Aktuelles

06.08.2020 | Der Einsatz von Lean Management bei EDR

Harald Grund im Interview

DAS BEREITS HEUTE HOCH AUSGELASTETE STRAßENNETZ IN MÜNCHEN WIRD AN DIE MOBILITÄTSBEDÜRFNISSE EINER WACHSENDEN ZAHL VON BEWOHNERN UND ARBEITNEHMERN NICHT ANGEPASST WERDEN KÖNNEN. MIT WELCHEN MAßNAHMEN BEGEGNET DIE STADT MÜNCHEN DIESEN ENTWICKLUNGEN?

Harald Grund: Eine Seilbahn entlang des Frankfurter Rings im Münchner Norden soll das Angebot im Nahverkehr verbessern. Die Stadt München gab dafür eine Machbarkeitsstudie in Auftrag, die einen Verlauf der Seilbahntrasse mit der größten verkehrlichen Wirkung, sowie einer hohen Wertschöpfung aufzeigen und ihre technische Machbarkeit nachweisen soll.

Die Machbarkeitsstudie wird in einer Ingenieurgemeinschaft durch ein interdisziplinäres Team mit großer Erfahrung erarbeitet. Damit stellen wir sicher, dass alle Aspekte, wie der Architektur und des Städtebaus, der Natur- und Umweltplanung, der Verkehrsplanung, der Seilbahntechnik, der Bautechnik sowie genehmigungsrechtliche Belange adäquat in der Machbarkeitsstudie ausgearbeitet werden. Um die Komplexität dieser Aufgabe zu meistern, hat EDR federführend den Einsatz von Lean Management initiiert.

WARUM HABEN SIE SICH SPEZIELL BEI DIESEM PROJEKT FÜR EINE AGILE ARBEITSMETHODE ENTSCHIEDEN?

Harald Grund: Aufgrund meines Hintergrunds im Software-Bereich, in dem Methoden wie Scrum schon lange angewandt werden, erkannte ich schnell das Potenzial einer agilen Herangehensweise in diesem Projekt. Bei herkömmlichen Bauprojekten hat man Planungsprozesse mit einem Startpunkt und einem vorgegebenen Ziel – dazwischen liegt ein definierter Prozess. Im Gegensatz dazu ist Scrum ein agiler Entwicklungsprozess. Man hat nur ein inhaltliches Ziel, d. h. man kennt das Was aber nicht das Wie. In unserem Fall wissen wir, dass wir Ende des Jahres eine Machbarkeitsstudie haben werden, wir kennen aber die Ergebnisse, die darin stehen werden, noch nicht.

Die Voraussetzungen in diesem Projekt waren also ideal für den Einsatz von Scrum. Als Projektleiter entschied ich mich für diese Methode, um uns im Projektverlauf die Möglichkeit zu bieten, schnell reagieren und situativ entscheiden zu können. Wir gehen im Scrum-Prozess in kleinen Schritten vorwärts und stimmen uns in kurzen Intervallen ab. Bei vielen gegebenen Abhängigkeiten wie im Seilbahnprojekt, ist Scrum daher die ideale Vorgehensweise.

WIE SETZEN SIE SCRUM KONKRET IN DER MACHBARKEITSSTUDIE FÜR DAS SEILBAHNPROJEKT EIN?

Harald Grund: Vorgelagert zur Machbarkeitsstudie führten wir zunächst einen Quick Check zur Seilbahntechnik und der verkehrlichen Wirkung durch. Dadurch schied bereits ein möglicher Trassenverlauf aus, der im weiteren Verlauf des Projektes nicht mehr berücksichtigt werden musste. Dies führte zu Kostenersparnissen, die uns an anderer Stelle im Projekt wieder zu Gute kamen. Dabei handelt es sich um einen weiteren Vorteil agiler Projekte.

Außerdem definierten wir innerhalb des Scrum-Teams zunächst die Anforderungen und priorisierten sie. Diese Liste arbeiten die Teammitglieder in einer gemeinsam festgelegten Reihenfolge ab. Bei wöchentlichen Teammeetings besprechen und visualisieren wir den Status der einzelnen Arbeitspakete. Einmal im Monat findet ein Review mit unserem Auftraggeber statt, bei dem wir die Ergebnisse der bis dahin bearbeiteten Anforderungen präsentieren und diskutieren. Somit werden Abläufe für alle Betei-ligten transparent dargestellt und kritische Abhängigkeiten frühzeitig erkannt. Zusammen mit dem Auftraggeber haben wir somit die Möglichkeit, die Richtung immer wieder neu zu bestimmen.

UNTER WELCHEN VORAUSSETZUNGEN IST SCRUM FÜR EIN PROJEKT GEEIGNET?

Harald Grund: Scrum eignet sich besonders für Projekte, bei denen man zu Beginn den Weg zum Ergebnis noch nicht kennt. Ihre Vorzüge kann die Scrum-Methode bei unsicheren, komplexen Projekten entfalten, bei denen man schnell auf neue Erkenntnisse reagieren und das Vorgehen daran anpassen können möchte.

Eine wichtige Prämisse für den erfolgreichen Einsatz von Scrum ist außerdem die Vertragsgestaltung. Die Nutzung von Scrum muss vorab vertraglich festgelegt werden. Da stetige Anpassungen der Ziele wesentlicher Bestandteil des agilen Managements sind, läuft man ansonsten Gefahr bei sich ergebenden Änderungen Nachverhandlungen führen zu müssen.
Und über allem steht gegenseitiges Vertrauen – sowohl innerhalb des Teams als auch zwischen dem Auftraggeber und dem Scrum-Team. Nur mit umfassendem Vertrauen können Scrum-Projekte gelingen.

© EDR GmbH